Oans, zwoa, gsuffa.

Selbst in unserer Gegend, dem tiefsten Hessenland, kommt man ab Mitte September nicht mehr ums Oktoberfest herum. Mir erschliesst sich dieser Enthusiasmus für weißblau dekorierte Festzelte, Blasmusik, Weißbier und Weißwurst überhaupt nicht. In Bayern natürlich- da gehörts ja auch hin, aber billige Dirndl und Kunstlederhosen im Festzelt auf dem Frankfurter Oktoberfest? Frankfurt und Oktoberfest ist doch schon ein Widerspruch in sich!
Na gut, also bisher hatte ich damit keine Schwierigkeiten, bin ich halt einfach nicht hingegangen, fertig, lasst mir doch die Ruh mit dem Blödsinn.
Allerdings ist es schon etwas schwierig, bei seiner ablehnenden Haltung zu bleiben, wenn die Chefin im Nähhimmel ein Dirndl nach dem anderen für sich näht- eins schöner als das andere.
Und nur um ihr und mir zu beweisen, dass ich a) gar kein Dirndl nähen kann und b) es mir sowieso überhaupt nicht steht, dachte ich, na gut, probier ichs mal aus. Die paar Euro für den Stoff bringen mich schon nicht um, wenn ichs dann in die Tonne trete.
Jo.

Alleine das Oberteil hat mich drei Jahre meines Lebens gekostet. Ich habe das Burda Schnittmuster Dirndl 10/2016 #127 genommen. Man muss sehr deutlich dazu sagen: Burda Schnittmuster sind nichts für Anfänger, auch wenn es drauf gedruckt ist. Nicht dass auf dem Dirndl „Anfänger“ gestanden hätte, es hatte Schwierigkeitsstufe drei von vier, wenn ich mich recht erinnere. Aber wer es gewöhnt ist, nach wort- und bilderreichen Ebooks zu nähen, hat es mit den extrem wortkargen und bilderlosen Burda-Anleitungen sehr schwer. Ohne die Dirndlexpertin Michi an meiner Seite hätte ich das Teil wirklich in die Ecke geknallt und dort gelassen.
Mit dem Ausmessen fing es an: Laut Burda-Maßtabelle nähe ich mir bitte eine Größe 52. Wtf? Zweiundfünfzig! Unnötig zu erwähnen, dass nach sicher zehnmaligem Auftrennen aller Miederteile und enger nähen letztendlich wahrscheinlich eine 48 draus geworden ist, meine normale Größe.

Die Schürze war fast ein Kinderspiel. Die habe ich nicht nach der Burda „Anleitung“ genäht, sondern nach der Anleitung von Tophill Kitchen (vielen Dank hierfür übrigens an Martina, die mir den wertvollen Tip gegeben hat, das war super!) wobei ich zum Raffen nur fünf Nähte angebracht habe statt zehn oder zwölf. Minimalismus rules!

Das Nähen des Rockes hätte dann wieder fast alles zum Kippen gebracht. Ich glaube ich habe das verdammte Teil sicher fünfzehnmal in verschieden breite Falten gelegt, festgesteppt, anprobiert und wieder aufgetrennt. Eine sehr schöne Geduldsprobe, kann ich nur jedem flüstern. Der Trick war, dass ich die ganze Näherei ja gar nicht mit dem Ziel, ein Dirndl nähen zu wollen, angefangen hatte. So war es mir ja eigentlich wurscht ob das was wird und ich konnte das als meditative Einheit sehen. Gut, hat jetzt nicht immer funktioniert… auftrennen, Klappe, die einhundertsiebenundzwanzigste…raaaahhhhh!!!
Von den Rockbemühungen gibt es kein Foto, das sah immer so scheiße aus beim Anprobieren…. Das Dirndl hat einen nahtverdeckten Reißverschluß im Vorderteil, der als allerletztes eingenäht wurde, daher blieb natürlich im Vorderteil immer ein langer Schlitz offen, den Junior beim Anprobieren so kommentierte: Mama, das Loch da vorne musst du aber noch zumachen, da sieht man ja deinen Bauch durch, das sieht nicht so schön aus.

Abgesehen von diesen Motivationshilfen war das ständige Anprobieren besonders beim Oberteil etwas mühsam, da ja jedes Mal der Dirndl-BH und die Bluse drunter mussten. Puh.
Den Rock habe ich letzten Endes in wenige (ich glaube vier oder fünf) sehr breite Kellerfalten gelegt, das trug am wenigsten auf.

Nun denn. Langer Rede kurzer Sinn, hier isses:

Aufs Oktoberfest, weder in München, noch in Frankfurt, gehe ich damit sicher trotzdem nicht, aber am Wochenende haben wir hier im Ort einen „Viehabtrieb“ mit bayerischen Spezialitäten und blauweißer Deko *wahhh* und da kein Mensch damit rechnet, dass ausgerechnet ich da in einem Dirndl aufkreuze, wird das sicher eine lustige Sache….ich freu mich schon.
Abschliessend kann ich feierlich zu Protokoll geben: a) ich kanns doch, wenn auch nur mit sehr guter und professioneller Hilfe (Danke, Michi!) und b) steht mir doch eigentlich ganz gut. Und ausserdem hab ich endlich mal wieder was für Rums 🙂

Dirndlschnitt: Burda 10/2016 #127
Stoffe bestellt in versch. Dawanda Shops (die waren nämlich fast ausverkauft und sind es jetzt vermutlich tatsächlich)
Dirndlbluse bestellt bei Alpenwahnsinn, ebenso wie der Dirndl BH, beides passt wie angegossen (in 48, nicht 52!)

(Und natürlich habe ich aus den Resten zum Dirndl passend eine Handtasche genäht, nach dem Schnittmuster „Clutch“ von der Taschenspieler 2 oder 3.

4 Gedanken zu „Oans, zwoa, gsuffa.

  1. Ein Dirndl steht doch (fast) jeder Frau!!! Wär es nicht so optisch bei uns in der Region daneben, ich würde regelmäßig eins tragen. Man istbhalt sofort „angezogen“…
    Ich finde deins toll!
    LG, uta

  2. Da hast Du Dir ein wunderschönes Dirndl gezaubert! Dirndl machen eine tolle Figur, nicht? Vielleicht kannst Du Dir aus dem gleichen Schnitt noch ein „Alltagskleid“ für den Norden nähen. So in Richtung Lena Hoschek.

    Liebe Grüsse,
    Martina

  3. wow, glückwunsch zu einem ganz tollen Dirndl!
    ich träume ja von einem, aber wohne auch in Hessen und ja…
    aber wirklich Hut ab, dass du da durchgehalten hast, gerade, weil du ja eigentlich gar nicht so erpicht darauf warst!
    ich finde, in Dirndl sieht man immer gut aus, deswegen echt schade, dass es in Hessen eher zu den Exoten gehört…

    LG
    sjoe

  4. Meine liebe Doro, ich kanns immer nur wiederholen. Es sieht einfach klasse aus. Super!!!! Und tapfer durchgehalten hast du auch… 🙂
    Liebe Grüße von der Dirndl Michi 🙂

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