Wunschkind

Danielle Graf, Katja Seide
„Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn
Der entspannte Weg durch Trotzphasen“
Beltz-Verlag, 2016

Im ersten Teil des Buches „Die Wut der Kinder“ wird erklärt warum Kleinkinder so ticken wie sie ticken und was das mit dem Aufbau des kindlichen Gehirns zu tun hat.
Kleinkinder, die z. B. wegen Kleinigkeiten in Wut geraten, tun das nicht, weil sie uns ärgern möchten, sondern weil ihr Gehirn schlicht noch nicht so weit entwickelt ist dass die Impulskontrolle funktionieren kann, weil sie ihre eigenen Gefühle erst kennenlernen und einordnen lernen müssen und weil sie sich schon gar nicht in die Gefühle andere Menschen hineinversetzen können.

Der zweite Teil „Die Wut der Eltern“ beschäftigt sich mit den Gründen, warum wir Eltern oft mit unbezähmbarer Wut auf unsere Kinder reagieren. Wir alle kennen die Situation, wenn unser Kind uns soweit bringt, dass wir kaum mehr rational, geschweige denn zugewandt auf das Kind reagieren können. Was das mit den Erfahrungen unserer eigenen Kindheit zu tun hat, inwieweit in uns noch die Erziehungshaltung unserer Eltern und Großeltern nachwirkt, und warum das Bauchgefühl nicht immer die beste Inspiration ist, wird, wieder mit praktischen Beispielen und theoretischen Ausführungen unterfüttert, sehr gut dargestellt.

Nach diesen beiden noch recht theoretisch geprägten Teilen geht es an die Praxis. Die „Übersetzungshilfen für Eltern kleiner Wutwichtel“ beschreiben anschaulich die häufigsten Konfliktverhaltensweisen der Kinder und ihre möglichen Hintergründe.
Was kann dahinterstecken, wenn Kinder freche Antworten geben, provozieren oder nicht auf unsere Bitten hören und wie können wir angemessen reagieren ohne einen Machtkampf auszufechten, an dessen Ende nur Verlierer stehen?
Ein wichtiges Kapitel ist hier der Kooperation gewidmet. Was ist eigentlich diese Kooperation, die wir immer von den Kindern fordern, woran erkennen wir, dass sie kooperieren und wo (und weshalb) übersehen wir häufig ihren Kooperationswillen?

„Trotzdem: Autonomie fördern“ führt uns anhand verschiedener Beispiele vor, wie wir die Autonomiebestrebungen der Kinder fördern und unterstützen können ohne uns einen Tyrannen heranzuziehen, wie viele Eltern (und Großeltern) es befürchten.
Sondern, wie wir in verschiedenen Situationen durchaus den Bedürfnissen der Kinder entsprechen können indem wir ihnen vertrauen, ihnen Zeit lassen, oder auch einfach mal das eigene Bedürfnis hintenan stellen. Und dass das nur gut gelingen kann, wenn wir auch auf uns selbst und unsere Grenzen achten und diese den Kindern vor allem klar und authentisch vermitteln.

Die „Tipps und Tricks für einen entspannten Alltag“ beziehen sich wieder auf ganz konkrete Konfliktsituationen im Alltag mit Kleinkindern, die jedes Elternteil so oder ähnlich hundertfach erlebt und bieten Erklärungen sowie kreative Lösungsmöglichkeiten. Die „Sechs Anhaltspunkte zur Grenzenfindung“ im letzten Abschnitt dieses Kapitels bieten hier eine gute Orientierung für die individuelle Grenzziehung innerhalb der Familie- so kann man gut abwägen, welche Grenzen sind mir wirklich wichtig, und wo ist Verhandlungsspielraum?

Das letzte Kapitel, „Schnelle Hilfen für akute Trotzanfälle“ fasst gut zusammen, wie wir uns mit unseren neugewonnenen Erkenntnissen in einem akuten Wutanfall verhalten können und gibt Hilfestellung, wenn das Beruhigen eben nicht mehr funktioniert. Dazu gibt es einen kleinen Überblick, welche Entspannungstechniken zur Stressbewältigung auch kleine Kinder schon erlernen können.

Im Nachwort betonen die Autorinnen noch einmal, dass die sogenannten „Trotzphasen“ vielleicht schmerzhaft sind, aber zu den völlig normalen Erfahrungen gehören, die Kinder brauchen um daran zu reifen.

Mein Eindruck

Wie ich ja im Vorwort schon erwähnte, gehöre ich zu den Blog-Leserinnen, die sich schon länger das Buch zum Blog gewünscht haben. Es hätte mich nur wenig gewundert (und ich hätte es trotzdem gekauft) wenn Katja Seide und Danielle Graf einfach die besten Artikel ihres Blogs zusammengefasst und als Buch herausgebracht hätten. Das hätte an der Qualität der Artikel und der Erziehungshaltung dahinter ja auch nichts verschlechtert und ihre Erkenntnisse auch einer Leserschaft näherbringen können, die nicht so internetaffin ist und lieber ein Buch liest.

Das haben sie aber nicht getan, sondern sich eines der großen Erziehungs- und Verunsicherungsthemen unserer Zeit angenommen, der sogenannten Trotzphase.
In vielen Familien gibt es tägliche Machtkämpfe, Wutanfälle von Seiten der Kinder, die eine Unmenge an Energie fordern und häufig völlig verunsicherte Eltern zurücklassen, die an sich und ihren Kindern zweifeln.

Katja und Danielle zeigen mit diesem Buch klug aufgebaut auf, woher der angebliche Trotz kommt, was sich in Wirklichkeit dahinter verbirgt, und wie Eltern damit besser umgehen können. Mit „entspanntem Weg durch Trotzphasen“ hat das leider in den allermeisten Fällen immer noch nix zu tun, daher finde ich den Untertitel ein winziges bisschen irreführend. Nein, nach der Lektüre dieses Buches wird man die Wutanfälle des Kindes nicht relaxt im Liegestuhl mit Cocktail in der Hand easy-going an sich abprallen lassen können.

Aber besonders der erste Teil des Buches erklärt in verständlicher Weise viel über die Vorgänge im kindlichen Gehirn und die Zusammenhänge mit dem kindlichen Verhalten- das entlastet ganz ungemein und es kann Eltern einiges von den Gefühlen der Hilflosigkeit und des Versagens nehmen, wenn man weiß was das eine mit dem andern zu tun hat.

Es ist doch eigentlich ganz einfach: wenn ich weiß, dass die Gehirnentwicklung meines Kindes in einem gewissen Alter schlicht noch keine ausreichende Impulskontrolle zulässt, werde ich aufhören können, unmögliche Forderungen zu stellen, die das Kind gar nicht erfüllen kann. Ich verlange ja von meinem zweijährigen Kind auch nicht, dass es mir den kategorischen Imperativ erklärt, einfach, weil ich weiß, dass es das noch gar nicht können KANN. (Ich kanns übrigens auch nicht, aber das ist ein anderes Thema…)

Für mich das plakativste Beispiel für solche Zusammenhänge ist das „Nein“. Eine der häufigsten Erziehungsfragen, mit dem Eltern an mich herantreten, ist die Klage, dass das einjährige Kind kein „Nein“ akzeptiere. Man habe doch jetzt schon hundertmal gesagt, dass es nicht in die Steckdose fassen/den Teller runterwerfen/aufs Sofa krabbeln soll und es macht es IMMER WIEDER! Das lasse doch nur den Schluß zu, dass das Kind das absichtlich mache um zu provozieren. Nein, eben nicht. Das lässt nur den Schluß zu, dass das Kind noch nicht so weit war. Das Buch bietet hier Möglichkeiten wie ich das Kind bei dieser Entwicklung unterstützen kann und wie ich vermeide, aus der Situation ein Spiel oder einen Machtkampf zu machen.

In vielerlei Hinsicht finde ich das Buch (ebenso wie den Blog) sehr hilfreich, zum einen, da es anhand wirklich vieler, verschiedener Beispiele kreative Lösungsmöglichkeiten vorschlägt, die die Bandbreite der elterlichen Reaktionen erweitern können (auf manche Sachen kommt man selbst eben einfach nicht) und zum anderen, weil das Buch vermittelt: Wir sind nicht allein mit unseren Problemen. Oft ist es doch so, dass man als Elternteil denkt, man ist echt der einzige Depp auf der Welt, der das mit den Kindern nicht gescheit hinkriegt und Oma und Opa sind da manchmal auch nicht grade hilfreich mit ihren Kommentaren.
Apropos Oma und Opa: die Zusammenhänge zwischen der Erziehung, die manche unserer Eltern und Großeltern „genießen“ durften und unserem manchmal direkt in die Irre führenden Bauchgefühl finde ich sehr schlüssig erklärt. Es war früher eben nicht alles besser und manche Parolen aus der sogenannten „schwarzen Pädagogik“ wirken sehr wohl bis heute nach!

Mir sind ein paar Dinge hängengeblieben, die ich wichtig finde für den täglichen Umgang miteinander:
Kooperation ist keine Einbahnstraße. Komm deinem Kind entgegen, dann wird es dir auch entgegenkommen- Kinder lernen am meisten durch Vorbilder!
Verlange keine Unmöglichkeiten von deinem Kind, das führt nur zu unnötiger Enttäuschung auf beiden Seiten.
Bedürfnisorientierte Erziehung bedeutet nicht, Frustrationen um jeden Preis vom Kind fernzuhalten, das wäre fatal! (Auch hier bestimmt das Elternteil wieviel Süßigkeiten oder TV es gibt, nicht das Kind.)
Der wichtigste Punkt überhaupt und mein tägliches Mantra: Sei klar und sicher im Umgang mit deinem Kind.

Vielen Dank, liebe Katja und liebe Danielle. Zuerst natürlich für das Rezensionsexemplar, aber viel wichtiger: Danke, dass ihr euch so intensiv mit den Themen auseinandersetzt, euch einarbeitet, gut recherchiert und neue wissenschaftliche Erkenntnisse in eure auch für Laien sehr gut verständlichen Artikeln einfliessen lasst.
Danke auch für die drei Jahre, in denen ihr eure sehr zeitaufwendig recherchierten und fundierten Artikel unentgeltlich mit uns allen geteilt habt. Das Buch ist alleine aus diesem Gesichtspunkt heraus schon lange überfällig gewesen. Ich wünsche euch durch die Decke gehende Verkaufszahlen damit ihr endlich auch einen gerechten Lohn für eure Arbeit bekommt und für uns alle, damit die Erziehungshaltung, die hinter eurem Blog und dem Buch steht, weiter transportiert wird und viele viele Eltern informiert und überzeugt.

Um die beiden für ihre Arbeit zu honorieren, habe ich mir natürlich mein eigenes Exemplar des Buches gekauft. Das bedeutet, ich habe eines zuviel hier stehen, und ich würde es gerne unter den interessierten Lesern verlosen.
Wer also gerne das Buch haben möchte, erwähnt das einfach in einem Kommentar unter diesem Artikel und am 1.11. werde ich den oder die Gewinnerin auslosen. 😉

19 Gedanken zu „Wunschkind

  1. Uiuiuiuui, schnell schnell noch in den Lostopf reingehüpft. Hoffe es ist noch nicht zuspät und der richtige Beitrag.

  2. Gerne würde ich das Buch gewinnen. Der Blog hat mir schon so manches Mal geholfen. Meine Große ist jetzt 2,5 – da werden wir alle oft an unsere Grenzen gebracht. Danke fürs verlosen.
    Iris

  3. Wir haben uns für eine bedürfnissorientierte Erziehung entschieden aber manchmal weiß ich nicht wie und wo ich Grenzen setzen sollte. Hoffe das mir das Buch weiterhelfen könnte. Schon allein um sich auch gegen die Verwandten ( die es teilweise komplett verhöhnen) durchzusetzen bzw sich zu erklären. In diesem Sinne würde ich mich sehr freuen wenn wir gewinnen. Bin einfach noch zu oft zu unsicher (1.Kind). Lg

  4. Ich würde mich so freuen, dieses Buch zu bekommen. Bin ein großer Fan des Blogs, aber manchmal hab ich doch noch ein oder zwei Fragen. Und gerade mit dem Mantra „klar und sicher im Umgang sein“ tue ich mich so schwer.

  5. Da hüpfe ich gerne in den Lostopf! Möchte das Buch so oder so kaufen :-). Danke für die ausführliche Rezension.

  6. Über das Buch würde ich mich sehr freuen. Ich kämpfe gerade täglich mit der Trotzkopfphase von unseren zwei Kindern. Tipps und verständnisvolle Worte könnte ich also sehr gut gebrauchen!

  7. Ich lese den Blog von Katja und Danielle schon seit der Schwangerschaft und würde jetzt, wo mein Sohn fast ein Kleinkind ist, sehr gerne auch das Buch lesen.

  8. Wow,
    Die Theorie hört sich immer so toll an,… 🙂
    Um so schöner nochmal alles erklärt und vor Augen gezeigt zu bekommen.
    Ich hätte hier auch 3 trotzende und teils wütende Kinder 😉
    Und wäre um neue Ansätze sehr dankbar,…
    Ganz liebe Grüße,
    Julia

  9. Ist ja sehr interessant,
    das wäre sicherlich was für meine Tochter, mit ihren 3 Jungs, die gerade auch eine Trotzphase haben und an allem herumnörgeln.
    Ganz schlimm ist es, wenn man zum Essen am Tisch sitzen soll.
    Würde mich über den Gewinn sehr freuen.
    Liebe Grüße
    Nähoma

  10. Hallo,
    ich bin gespannt auf das Buch. Meine Kinder habe ich bedürfnisorientiert erzogen, wohl überlegt und mit Bauchgefühl und dem Abo der Zeitschrift E…
    (Ich erinner mich noch genau daran wie ich mit Babytragend -blauweissgestreifte Tragehilfe- durchs Dorf lief und alles guckt)
    Damals. Vor 30 Jahren gabs kein Internet *staun*.
    Woher nahm ich meine nichtendenwollende Zuversicht das es schon wird?
    Der Song von Peter Maffay „Mein Kind“ beschrieb das damalige Gefühl von uns auf den Punkt. Und trotzdem oder gerade weil es Mut braucht, Mutter/Eltern zu werden bin ichs. Meine Mutter hat fast alles falsch gemacht. Mein Vater macht heute alles gut.
    Und was werden meine Kinder über mich sagen in 30 Jahren? Ich bin gespannt.
    Konsequent. Liebevoll. Zugewandt. Immer bemüht.
    😉
    Alles Liebe und immer tapfer bleiben

  11. Wir sind auch mitten in der Autonomiephase und manchmal sehr am Ende mit unserem Latein. Das Buch könnte die Rettung sein <3

  12. Das klingt echt so, als sollze ich schnell dieses Buch lesen. Meine kleine Maus ist gerade drei geworden und steckt mitten in einer anstrengenden Trotzphase.
    Also wäre es echt super, dieses Buch zu gewinnen. Sonst muss ich es mir unbedingt kaufen.
    Daumen drücken.

  13. Meine „große “ ist 4, meine kleine ist 2 und das Baby hat grade die 5-monatsmarke geknackt… also, ich könnte einen gescheiten Ratgeber zum Thema „trotzphase“ grad sehr gut gebrauchen. Vor allem das Sandwich Kind fällt in die Kategorie „wutwichtel“ ?

  14. Hallo,
    ich will das Buch auch unbedingt lesen und würde mich daher über einen Gewinn freuen. Bei uns steht das Thema demnächst an bzw. ab und zu sind erste Ansätze zu erkennen. So ein bisschen tangiert wurde es auch in meinem Studium, allerdings eben nicht so richtig.
    Danke auch für die Rezension!
    Liebe Grüße
    Corinna

  15. Hallo, das Buch steht schon auf meiner Weihnachtswunschliste. Trotzphasen und wie man damit kindgerecht umgeht und vor allem auch andere zum Nachdenken anregt, das war das beste Thema, was sich die Autorinnen aus ihrem reichhaltigen Repertoire rausrücken konnten.
    Ich würde mich freuen, das Buch schon früher in den Händen zu haben (zu verschlingen).
    Liebe Grüße Marina

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