Frühling. Und alle bekloppt.

Endlich hat das blaue Band es auch bis zu uns geschafft.
Zwar ist es inzwischen wieder ziemlich kalt, aber alle anderen Indizien deuten darauf hin: jetzt ist wirklich endlich Frühling.
Was für Indizien? Ei, es drehen alle durch.
Als Allererstes kriegen die Zweiräder den Frühlingswahnsinn, hier insbesondere die Gattungen Kawondazukibröömbröömbrööm und TourdeTaunus-Show. Die einen übermotorisiert und in raumanzugsähnliche Ganzkörperverpackungen gepresst und die anderen das genaue Gegenteil: Motor lediglich in den Beinen, zwischen Haut und Asphalt nur eine dünne Schicht schnelltrocknender Polyester und auf dem Kopp ein albernes Gitterdeckelchen statt ordentlichem Helm.
Wir mussten am Sonntag aus Gründen über den Taunuskamm fahren. Obwohl man als Taunusbewohner weiß: Sandplacken plus Wochenende plus Sonnenschein gleich blanker Selbstmord. Wir sind auch ehrlich nicht ständig hin und her über den Berg gefahren wie die andern Bekloppten, neinnein, nur so von a nach b, nachhause eben. (Was findet man auch am einfach so rumfahren toll? Es ist mir ein Rätsel. Obwohl mein Mann jetzt wie aus der Pistole geschossen sagen würde: mit dem richtigen Auto unterm Hintern kann Rumfahren seeeehr schön sein. Ja, Lieber, allerdings trennen uns von dem Auto ca 390.000 Euro. DAMIT fahre ich dann aber auch mit dir in der Gegend rum, den ganzen Tag! *verliebtguck*).
Wo war ich? Ach ja:
Man muss das erlebt haben. Da fahren auf einer normalen Serpentinenstraße (in jede Richtung nur eine Spur, keine Autobahn!) mehrere Autos hintereinander berghoch (mit ca 60-80 km/h) während bergrunter genau so viele Autos wie an der Schnur aufgefädelt entgegenkommen. Serpentinen, ja? Deshalb so langsam. Achtzig ist schon gewagt bei den Kurven (und natürlich nicht erlaubt *hust*) Alle zehn Meter ist ein verkannter TourdeFranceSieger am Rand unterwegs (berghoch pendeln sie etwas, aber bergrunter halten sie besser die Spur, das ist total wichtig zu wissen beim Überholen *hoppala*, aber ich frag mich immer, was für einen Nervenkitzel brauchen die denn, dass die sich in so einem Verkehr auch noch dazwischenmogeln müssen? Spaß machen kann das doch keinen.) und bei alle dem Rumgedrängel kommen auch noch ein paar Wichtigtuer auf getunten Motorrädern und eröffnen mal eben eine dritte Spur, das ist die in der Mitte, der weiße Streifen. Da kann man total gut noch zwischen zwei Verkehrsströmen durchpassen. Darf halt keiner von unten kommen, der dieselbe beschissene Idee hat *schepper*.
Das Überholen von Fahrrädern (Verzeihung, die heissen ja jetzt alle Biker), also das Überholen von Bikern ist allerdings auch ohne die Hirnis von der dritten Spur hier nahezu unmöglich, das sieht dann so aus:

Überholvorgang vorbereiten: von vorne kommt nix, Rückspiegelcheck: alles meilenweit frei, also Blinkerlinkssetzen, Blick nach links: keiner da, erneuter Rückspiegelcheck kurz vorm Rausziehen: Dröhnendes Motorrad DIREKT am Kofferraumdeckel *KREISCHdödöngdödöngdödöng*

Boah, Mann. Mal ganz abgesehen davon, dass die mit ihren Anzügen und Helmen aussehen wie Aliens auf Vernichtungsfeldzug, krieg ich einen gottverdammten Herzinfarkt weil die plötzlich aus dem absoluten Nichts auftauchen!
Seit neuestem am besten noch alle ausgestattet mit Helmkamera- ja, gehts noch, was wollen die denn filmen bei der Geschwindigkeit? Vorbeizischende Baumschatten oder was? Meine vor Schreck abstehenden Haare? Was denken die eigentlich wer sie sind? Der gottverdammte James Bond oder was? In solchen Situationen durchzuckt mich ganz kurz der Impuls:
Alle miteinander anhalten, vom Moped schmeissen (und die Lebensmüden vom Fahrrad gleich mit), Helm ab und links und rechts eins auf die Fresse. Danach können sie von mir aus wieder gegeneinander antreten. Aber auf dem Nürburgring. Dem Highway to Hell. Oder sonstwo. Aber nicht auf MEINER Straße. Uff. Das musste mal raus.
Meine Harmoniesucht Feigheit altruistische Grundhaltung behält aber natürlich wie immer die Oberhand, schliesslich haben wir uns alle lieb, oder sollten es zumindest. Ich streue gedanklich etwas Glitzer über die Vollspacken und lehne mich entspannt zurück, allerdings erst, wenn ich mein Zuhause erreicht habe und die gesamte Familie die Höllenfahrt überlebt hat.

Motorradfahrer grüßen ja einander, wenn sie sich während der Fahrt begegnen, und an der Art der Begrüßung kann man als Eingeweihter den Grad der Coolness ablesen.
Die richtig arschcoolen Säue auf ihren Reiskochern namens Hayabusa, Ninja, Blackbird oder sonstwie grüßen natürlich niemanden. Dazu haben die gar keine Gelegenheit, denn bei diesen Geschwindigkeiten (siehe oben *grrrmpf*) kann schon das Abheben des Zeigefingers vom Griff tödliche Folgen haben. Man stelle sich vor: XY verlor sein Leben, weil er einen Bekannten grüßte *Tödliche Höflichkeit* uaaahhh.
Die normalen Moppedfahrer (jahaa, ich weiß, die gibts auch. Die fahren nur am Wochenende nicht raus wegen der andern Bekloppten) grüßen mit einem oder zwei Fingern und so weiter. Je mehr Körperteile mit Winken beschäftigt sind, desto uncooler ist der Besitzer. Vor uns fuhr eine Zeitlang einer, der winkte jedem Mopped mit dem ganzen Arm. Dem GANZEN Arm. Das war garantiert Patient Zero, von dem aus die ganze Coolness-Skala eingemessen wurde. Uncooler gehts nicht. Auf keinen Fall.
Man sollte an die Moppeds doch einfach eine Winkekatze montieren, die könnte das Winken dann übernehmen, meinte mein Mann. Geniale Idee!
Maneki Neko Winkekatze
Gibt es eigentlich Winkekatzenhalter für Motorräder? Müßten wir glatt mal erfinden.

3 Gedanken zu „Frühling. Und alle bekloppt.

  1. Ja, so Dinge erlebe ich auch öfter auf der Straße. Im vollen Stau – also stehende Autos – überholt ein Motorradfahrer in ziemlich schneller Fahrt linkt zwischen linker Spur und Mittelstreifen. Es hätte nur mal einer die Tür öffnen müssen. Der wäre ganz schön geflogen. Und letztens wurde einer geblitzt mit 240 kmh auf der Autobahn (100 erlaubt) mit T-Shirt und einhändig fahrend. So etwas nenne ich lebensmüde.

    Aber es gibt auch vernünftige Fahrer. Mein Mann war so einer und mein Vater ist es noch. Vorausschauend fahren und Spaß haben ist da die Devise und nicht, wer kann es besser, schneller, gewagter.

    Kopf hoch und immer schön aufpassen.
    LG Bärbel

  2. Och Mensch, Doro, du verstehst das einfach nicht…

    Die wollen doch nur spielen!!

    Ehrlich! Ist ja auch kein Wunder! Mit dem Fahrstil haben sie das Trotz- und Bockalter immer noch nicht erreicht und hauen sich eben statt der Sandförmchen die Motorradersatzteile um die Ohren.
    Wäre ja okay, solange sie nicht andere damit derartig gefährden würden!

    Das Thema Herzinfarkt am Steuer hat mir übrigens auch ein Motorradfahrer näher gebracht – ist schon ein paar Jährchen her:
    Stell‘ dir mich mal bildlich auf der Autobahnvor, Kinder hintendrin, Mann auf dem Beifahrersitz, relativ leere Autobahn, Rückweg aus dem Eifelurlaub.
    Die erlernten Blicke in Rückspiegel, Seitenspiegel über die Schulter … keiner weit und breit, Überholvorgang wird eingeleitet, ich überhole mit ca. 180 Sachen (wie gesagt, die Autobahn war frei).
    Ich war gerade auf Höhe des anderen Autos, was ich überholen wollte, plötzlich
    Wusssssssssssssssssssssssssssssch!!!!
    Der erwähnte Herzinfark, also fast!
    Fährt doch so ein Zweirad-Idiot ZWISCHEN den beiden Autos (also mir und dem anderen!) durch – weit über 200 Sachen natürlich und…
    Tusch!!
    AUF DEM HINTERRAD!!!
    Du kannst mir glauben, ich habe meinen Augen nicht getraut!
    Dass mir das Herz in dem Moment nicht aus der Brust gehüpft ist, war echt reine Glücksache, geklopft hat es jedenfalls bis zuhause!!

    Sowas muss man nicht verstehen, aber mir geht die Hutschnur hoch, wenn ich daran denke, wie oft Unschuldige dran glauben müssen!
    Eine falsche Bewegung in diesem Moment mit dem Lenkrad (vor Schreck) und meine kleine Familie wäre Geschichte gewesen – nur weil sich so ein Held was beweisen muss…

    Sehr verständnisvolle Grüße

    Sabine, die jetzt schon weiß, dass bald wieder überall am Straßenrand Blümchen stehen werden… 🙁

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