Der Untergang des Abendlandes

steht kurz bevor. Aber SO kurz, ich weiß es, ich war bei der Verkündigung dabei.
Verkündet hat das die Leiterin der Grundschule meines Sohnes, als sie bekannt gab:
„Ab dem nächsten Schuljahr gibt es an dieser Schule keine Hausaufgaben mehr.“ Bääm!
Und alle so: Heul! Zähneklapper!! Kettenrassel!!! Herzlich willkommen im dritten Höllenkreis von Dantes Inferno, machen sie es sich gemütlich, hier kommen sie nicht mehr raus.

Okay, war gelogen. In Wirklichkeit hat die Leiterin das natürlich nicht so platt verkündet, in dem Shitstorm wäre sie ja glatt ersoffen. Aber sonst stimmt alles.
Unsere Grundschule arbeitet schon länger mit verläßlichem Schultag (keine Ausfallstunden! Kein späterer Schulbeginn!! Paradies!) Wochenplänen, Gruppenarbeiten, Lernfeldern statt sturem Schulbuchabarbeiten und so weiter. Die Kids haben schon seit der ersten Klasse mehr Schulstunden als eigentlich vorgeschrieben, die für lauter tolle Sachen verwendet werden. Eine Bewegungsstunde mittendrin! Büchereistunde! Musikraum! Computerraum!
In Zukunft wird nun der Schultag verlängert um noch fast eine Stunde und die damit gewonnene Zeit wird als Lernzeit für die Vertiefung und Wiederholung des Gelernten verwendet. Und zwar nicht hintendran gehängt, sondern mittendrin integriert, da wo es grade passt und hingehört und wenn die Schüler dann um zwei zuhause sind, haben sie keine Hausaufgaben mehr auf. Jippie! Freiheit! Freizeit! Spielen!
Über den Wochenplan, den die Schüler mit nach Hause bekommen, können die Eltern verfolgen, was sich in der Schule gerade tut, und dort ist auch Platz für kleine Mitteilungen zwischen Eltern und Lehrern, so bekommen die Eltern mit, welcher Schulstoff bearbeitet wird, auch ohne dass sie Hausaufgaben machen müssen. 🙂
Super, dachte ich mir. Das kann ja nur jedem gefallen- wer hat schon gerne diesen Stress, wenn noch Aufgaben zu machen sind, das Kind aber keine Lust hat? Spaß! Natürlich weiß ich, dass es mehr als genug Eltern gibt, die genau das zu ihrem Lebensziel erklären: Nachmittags via Hausaufgaben alles ausbügeln, was die inkompetenten Lehrer vormittags versauen.
Also auf zum Informationsabend, damit nicht nur Meckerer da sitzen und vorher das dicke Kettenhemd an.
Ich mag ja übrigens Elternabende und kann mit diesem ganzen Elternabends-Bashing rein garnichts anfangen. Ist doch eine feine Sache, ich sitz gerne mal auf dem Stühlchen meines Sohnes, die Lehrerin erzählt was sie in der Schule grade machen, die Eltern erzählen, was sie zuhause… nein, Quatsch, manche Eltern erzählen bissi dummes Zeuch, Teegeld, Klassenkasse, wasweißichnochalles werden bezahlt, der Elternbeirat macht die Kuchenliste fürs nächste Schulfest und alle gehen zufrieden heim, wo ich dann feststelle dass ich wieder die Hälfte vergessen hab zu fragen. Hmpf. (Gut, ich muss zugeben, hier aufm Kaff leben nicht so viele müslivegane Schickimickis, die die Inhaltsstoffe der Mittagsverpflegung bis auf die Herkunft des Salzes ausdiskutiert haben wollen, das sähe in Prenzlauer Berg womöglich ein klitzekleines bißchen anders aus, ist halt nur ein Taunuskaff, zum Glück.)
Dieser Elternabend war aber schwierig. Sehr sehr schwierig. Also, jetzt nicht einfach aufstehen zu können, dem Dösbaddel in der letzten Reihe auf die Finger hauen und sagen: Du schreibst jetzt hundertmal „Ich soll mein Kind nicht zum Lernen zwingen“, das fand ich schon schwer. Die ein oder andere Lehrkraft auch, vermute ich.
Eltern gibts…
Einer setzt sich jeden (!) Mittag mindestens (!) eine bis zwei Stunden (!!) mit seinem Kind hin und paukt alles am Tag gelernte durch. Dritte Klasse, klar. So kurz vorm Abi muss man schonmal bissi was tun, sonst wird man ja völlig abgehängt.
Ein anderer scheint einen Zahlenfetisch zu haben und rechnet genau vor, dass bei soundsoviel zusätzlichen Wochenstunden die Lehrkräfte im Endeffekt ja nur 6,5 Minuten mehr Zeit pro Kind hätten und DAS wäre ja so lächerlich, das könne man dann ja gleich bleiben lassen. Wtf?
Ein weiterer sagt allen Ernstes, das sei ja alles schön und nett, aber er könne nicht auf Hausaufgaben verzichten, da sonst die Gefahr bestünde, dass er nicht mitkriegt, wenn das Kind in der Schule absackt. Sein Anspruch an die Leistungen seines Kindes sei dann doch etwas höher als der der Schule *naserümpf*, das müsse er dann eben an den Abenden ausbügeln, da müsse das Kind dann zur Not auch mal mehr Aufgaben als gefordert machen, kommt ja sowieso zuwenig von der Schule- und jetzt auch noch ganz abschaffen? Geht gaaarnicht!
Gut, da habe ich jetzt Verständnis für, wenn ich so nachdenke. Da würde ich aber auch sowas von einem Fass aufmachen, wenn mein Sohn mit einer zwei minus nachhause käme. Oder gar einer drei! In der zweiten Klasse! Da winkt doch das Hauptschulabgangszeugnis (flüster: Liebe Tante, hast du gemerkt, dass ich nicht Dummenschule gesagt habe? *stolzgrins*) schon hämisch aus der Ferne herüber!
Okay, Kind, wo bist du? Komm sofort her, wir müssen pauken!
Kind? Kihiiind?
Mist. Am Ende hängt der schon wieder mit seinen Kumpels ab und spielt. Fährt Fahrrad. Spielt Federball. Wie, der liegt schon im Bett? Statt was Anständiges zu lernen? Sitten sind das hier!

(Wer näheres darüber wissen möchte, findet einen recht guten Artikel zum Thema im neuen Stern.)

Ein Gedanke zu „Der Untergang des Abendlandes

  1. Toller Artikel, uneingeschränkt empfehlenswert. Und Glückwunsch dafür, dass ihr scheinbar eine vernünftige Grundschule habt. Von Rechts wegen ist das Paddeln von Eltern natürlich verboten, der Gedanke ist mir allerdings auch schon mal durchs Hirn geschossen.

    Aber zum Glück sind viele Eltern auch dankbar, dass ihre Kinder ganztags in der Schule betreut werden und zu Hause einfach Kind sein können. Erbsenzähler, Nörgler und Kulturpessimisten gibt es natürlich immer wieder. Da hat sich vor nicht allzu langer Zeit ein älterer Zeitgenosse beschwert, dass solche Zustände wie „Jahrgangsmischung“, wo also Kinder verschiedener Alters- und Jahrgangsstufen zusammen mit und voneinander lernen, nur zu Chaos führen kann. Bei diesem Durcheinander würden am Ende alle nur dümmer werden, als sie vorher ohnehin schon waren. Befragt, wie denn seine eigene Schulzeit gewesen sei, kam dann die Antwort: „Nach dem Krieg gab es in der Dorfschule natürlich nicht genug Lehrer. Da waren alle in einem Raum, die Großen hinten, die Kleinen vorne und während die Älteren Mathematik gemacht haben, lernten vorne die Jüngeren lesen und … MOMENT MAL!“ :p

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